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Das Dilemma der technischen Zeitschriften



Das Internet nagt am Anzeigenaufkommen und an den Auflagen fast aller Druckperiodika. Technische und Hobby-Zeitschriften versuchen, ihrem schleichenden Untergang durch Flucht in die Internet-Präsenz zuvorzukommen. Ob das hilft, ist umstritten. Noch gibt es eine reiche Auswahl an Kiosk-Zeitschriften fűr Computertechnik, Hobby-Elektronik und den Video-Audio-Bereich. Hier ein Beispiel, wie sich Papierprodukte gegen die papierlose Konkurrenz wehren.

Fűr das Hobby-Segment Lautsprecherbau gab es frűher mehr Fachzeitschriften als heute. Unvergessen ist der seit langem verschwundene amerikanische Speaker Builder; in Frankreich gab es den Haut Parleur. In Italien gibt es seit kurzem ein Vierteljahres-Heft Audio Costruzione.

In Deutschland gibt es zwei Zweimonatsschriften Klang + Ton und Hobby Hifi . Beide gleichen sich wie eineiige Zwillinge in Aufmachung und Inhalt. Immerhin: ein Chefredakteur schaut ernst, der andere grinst meistens. Beide sind fraglos gute Blätter. Dass sie sich trotz der zunehmenden Internet-Konkurrenz am Kiosk halten können, ist beachtlich.

Die Kleinanzeigen sind fast komplett ins Internet abgewandert. Video und Heimkino nagen an der Basis des echten Stereo-Liebhabertums und damit an der Bereitschaft, sich fűr reinen Musikgenuss und ein Paar „Boxen“ in selbstbauerische Unkosten zu stűrzen. Der Markt schrumpft, und damit schrumpft auch das Anzeigenaufkommen. Mancher hilft sich, indem er das Heft seitenweise mit Eigenwerbung fűr Abonnements, Laborverkäufe und frűhere Ausgaben fűllt.

Das ist doppelt schmerzlich, denn frűher waren manchmal die Anzeigen und „Neues aus der Industrie“ (also die Pressemitteilungen der Firmen) das Interessanteste in einem drögen Heft.

Inhaltlich tun sich die Redaktionen hart. Einerseits sollten sie dem Leser mit praktischen Tipps nűtzlich sein, andererseits műssen sie mit immer neuen Projekten die Produkte ihrer Annoncenkunden anpreisen und dafűr sorgen, dass den Lieferanten die „Bausätze“ nicht ausgehen und jedes gemessene Chassis wenigstens eine Tugend aufweist.

Das eigentliche Problem sowohl der Hefte als auch ihrer Internet-Konkurrenz ist die Notwendigkeit, akustische Phänomene optisch darzustellen und verkaufen zu műssen. Messziffern, Grafiken und gefűhlvoll beschreibende Texte ( „Klang“) műssen das akustische Erleben ersetzen und versuchen, aus dem Leser durch technisch-journalistische Suggestion einen Hörer zu machen. Das ist ein Problem, das freilich alle Hifi- und auch Musikzeitschriften betrifft.

Die Lautsprecher-Zeitschriften plagt jedoch eine Nischen-spezifische Schwierigkeit: selbst wenn der Leser alles richtig macht und sein Bausatz wirklich durchdacht und erprobt ist, wenn er alle Messgeräte besitzt und sein Werk perfekt einmisst: er weiss nie mit Sicherheit, ob der „Klang“, der aus seiner Anlage herauskommt optimal der in der Tonkonserve oder Live-Aufzeichnung eingefangenen Wirklichkeit entspricht.

Es reicht, ein High End-Geschäft aufzusuchen und sich drei, vier der teuersten Lautsprecher anzuhören. Obwohl mit aller Technik gebaut, die professionell zur Verfűgung steht, und im Geschäft vom Techniker des Herstellers aufgestellt und eingemessen, unterscheiden sich die Probanden doch deutlich in der Wiedergabe. Dabei handelt es sich nicht um sfumature, sondern um ganz handfeste Unterschiede. Mal heller Klang, mal dunkler. Mal gute Frauenstimmen, mal knackige Bässe.

Allen Messprotokollen zum Trotz können sich die Hersteller nicht einmal auf einen gemeinsamen Amplituden-Frequenzgang einigen. Jeder betreibt das voicing, also die Feinabstimmung seines Erzeugnisses, nach eigenem Gehör. Dabei ist der Frequenzgang nur eine — wenn auch die wichtigste — unter mehreren gravierenden Fehlerquellen eines Lautsprechers. Der Kunde, der sich nicht entscheiden kann, sucht vielleicht in seiner Verwirrung in der Presse nach einem Testsieger und kauft den mehr oder weniger als Katze im Sack.

Wird der kommerzielle Sektor schon von solchen Problemen geplagt, wie soll es da dem Selbstbauer ergehen? Man kann wohl annehmen, dass aller Messtechnik und Beharrlichkeit der Bastler zum Trotz neun Zehntel aller Selbstbau-Anlagen Frequenzgang-Fehler aufweisen, die hörbar die Wiedergabe stören. Was nicht heisst, dass kommerzielle Anlagen besser abschneiden.

Es hiesse, die Intelligenz der Zeitschriften-Redakteure zu unterschätzen mit der Annahme, sie seien sich dieser traurigen Tatsache nicht bewusst. Aber nachdem die Kunden aller Voraussicht nach nie wissen werden, wie sich die Musik, die sie im trauten Heim abspielen, bei der Aufnahme anhörte, erledigt sich das Problem von selbst.

© stentore.com